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Gefahr auf der Zielgeraden

Was ist mehr wert: Das Abitur oder die Abschlüsse der dualen Ausbildung?

Steffen Gunnar Bayer, DIHK, schreibt in der Zeitschrift POSITION I/2012, dass die IHK-Organisation Pläne der Kultusministerkonferenz (KMK) weder nachvollziehen noch akzeptieren kann, beim europaweiten Bildungsvergleich das Abitur höher zu bewerten als die Abschlüsse der dualen Ausbildung.

Attraktivitätsverlust der beruflichen Bildung droht

Hintergrund bildet der so genannte Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR). Dieser sieht eine Skala mit 8 Niveaustufen vor, in die künftig alle Bildungsabschlüsse einsortiert werden. Maßstab für die Zuordnung ist die Beschäftigungsfähigkeit. Die Stufe 1 beschreibt das einfachste und die Stufe 8 das anspruchvollste Niveau. Der Impuls dafür kam aus Europa. Alle EU Länder haben sich geeinigt, nationale Qualifikationsrahmen zu entwickeln und miteinander zu verbinden.

Ziel ist es, die vielen verschiedenen Bildungsabschlüsse in Europa vergleichbarer zu machen. Aus Sicht der IHK-Organisation ist das ein sinnvolles Vorhaben. Unternehmer und Arbeitnehmer können künftig auf einen Blick erkennen, was hinter einem Bildungsabschluss steckt.

Entscheidend ist aber, dass alle Abschlüsse glaubhaft und nachvollziehbar eingeordnet werden. Deshalb sind Wirtschaft und Gewerkschaften der Ansicht, dass das Abitur gemeinsam mit den drei- und dreieinhalbjährigen Berufen im DQR-Niveau 4 zuzuordnen ist. So haben sich auch die Bundesregierung und die Wirtschaftsminister der Länder gut begründet festgelegt: Die Niveaus 1 bis 4 werden von der allgemeinen Schulbildung und der beruflichen Erstausbildung, die Niveaus 5 - 8 unter anderem von Hochschul- und Abschlüssen der beruflichen Fortbildung belegt. Damit jedoch tun sich die Kultusminister bislang schwer. Sie stellen viele Jahre gemeinsamer Arbeit in Frage und beschlossen im Oktober 2011, das Abitur im Niveau 5 verorten zu wollen. Damit sind sie nicht nur in Deutschland isoliert, sondern auch in Europa.

"Der Beschluss der KMK, das Abitur dem DQR-Niveau 5 zuzuordnen, geht völlig an den Realitäten des Arbeitsmarktes und der Logik von Qualifikationsrahmen vorbei", sagt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. "Das Ansinnen der Kultusminister ist weder inhaltlich noch bildungs- oder europapolitisch vertretbar", sagt der DIHK-Präsident.

Inhaltlich, weil das Abitur nicht den Anforderungen entspricht, wie sie im Niveau 5 verlangt werden. Abiturienten sind mit ihrem Schulabschluss regelmäßig nicht beschäftigungsfähig und können auch keine Führungsverantwortung übernehmen. "Wer eine Lehre absolviert hat, hat einen Beruf und steht auf eigenen Beinen - wer das Abi hat, hat allein einen Schulabschluss, an den sich Lehre oder Uni erst anschließen", gibt Driftmann zu bedenken.

Bildungspolitisch ist der Plan der Kultusminister fatal, weil ein massiver Attraktivitätsverlust der beruflichen Ausbildung droht. Grund: Alle Beteiligten sind ehrlich und anhand der DQR-Merkmale überein gekommen, die drei und dreieinhalbjährigen Berufe im Niveau 4 zu platzieren. Würde nun das Abitur künstlich auf das Niveau 5 gehievt, werden sich kaum noch Abiturienten für eine Berufsausbildung entscheiden. Praktisch käme das nämlich einem gefühlten Abstieg von Niveau 5 auf 4 gleich.

Die Folgen einer sachfremden Abiturzuordnung im Niveau 5 sind mit Blick auf die Fachkräftegewinnung schlicht verantwortungslos. Die Unternehmen sind bereits alarmiert. So warnt Ellen Redlich, Ausbildungsleiterin bei der Berlin-Chemie AG, dass es noch schwieriger würde, geeignete jungel Leute etwa für die Ausbildung zum Pharmakanten zu finden. "Daraus wird ein echtes Standortproblem", befürchtet die Managerin des international tätigen Unternehmens, das in Deutschland 2.000 Mitarbeiter beschäftigt. Dieser Sorge kann die Präsidentin der IHK Halle-Dessau und Vorsitzende des DIHK-Bildungsausschusses, Carola Schaar, sich nur anschließen. Sie ist Geschäftsführerin und Gesellschafterin des mittelständischen IT-Unternehmens ABASYS, das IT Fachkräfte ausbildet und beschäftigt. "Im Kern geht es doch darum, wo junge Menschen nach einer Qualifizierung in der Praxis eingesetzt werden können", sagt Schaar. Einen Abiturienten ohne Berufsausbildung im Betrieb zu beschäftigen, ist für Carola Schaar unvorstellbar. "Wir brauchen ausgebildete Fachinformatiker oder IT-Systemelektroniker und keine Schulabgänger", sagt Schaar.

Auch in Europa stehen die Kultusminister auf einsamen Posten. Alle Länder planen, ihre höchsten Schulabschlüsse dem Niveau 4 zuzuordnen. So auch die Niederlande, die ursprünglich mit dem Niveau 5 liebäugelte. Die EU Kommission zeigt sich deshalb über den KMK Beschluss sehr besorgt. Der Bildungsgeneraldirektor Jan Truszcynski unterstrich vor dem DIHK Bildungsausschuss am 8. November 2011 in Brüssel, wie wichtig ein europaweit kohärentes Vorgehen ist. Nur so kann der Europäische Qualifikationsrahmen am Ende erfolgreich sein.

Vor diesen Sachargumenten sollten die Kultusminister ihre Augen nicht verschließen, sondern ihrer bildungspolitischen Gesamtverantwortung gerecht werden und den Beschluss überdenken. Ziel muss es sein, den Übergang vom Bildungs- und Beschäftigungssystem zu erleichtern und damit die deutsche Wirtschaft zukunftsfest zu machen.

Ansprechpartner/in

Stefan Bünting
stellv. Abteilungsleiter

Telefon: 0441 2220-472
Fax: 0441 2220-468
Zentrale: 0441 2220-0
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